
Seit 2007 bietet das Fachklinikum Borkum eine Rehabilitationsmaßnahme für übergewichtige Kinder im Alter von 4 bis 12 Jahren an. Besonderheit des Konzepts: Ein Elternteil wird mit aufgenommen und geschult, um eine langfristige Ernährungsumstellung und Änderung der Freizeitgewohnheiten innherhalb der Familie zu erreichen. Nun liegen erste Langzeitergebnisse vor.
2007 schreckte eine Studie des Robert Koch Instituts Fachleute und Laien gleichermaßen:
15 Prozent der Kinder in Deutschland sind übergewichtig, davon 6 Prozent adipös. Die Ursachen hierfür sind schnell gefunden. Bewegungsmangel und falsche Ernährung, gepaart mit einer genetischen Veranlagung sind schuld daran, dass immer mehr Kinder - zum Teil schon im Kindergartenalter - zu viele Pfunde mit sich herumtragen.
In den Ursachen steckt auch die Lösung des Problems. Doch eine Ernährungsumstellung und die Änderung des Freizeitverhaltens fallen schwer. Und so scheitern viele Familien auch nach intensiven Schulungen und Seminaren, weil sie auf lange Sicht ihre Lebensgewohntheiten nicht wirklich geändert haben und daher die meisten erzielten Erfolge nur kurzfristiger Natur sind.
Was Hänschen nicht lernt...
Eine Langzeitstudie in Enland kam zu ernüchternden Ergebnissen. Zwischen 2001 und 2002 fanden in britischen Schulen Ernährungsprogramme statt. Ziel war es, Kinder die stark zuckerhaltigen Softdrinks abzugewöhnen und sie für kalorienarme Gertränke zu begeistern. Während kurzfristige Erfolge erzielt werden konnten, zeigte sich bereits nach zwei Jahren kein Unterschied mehr in der Getränkeauswahl zwischen den geschulten Kindern und der Kontrollgruppe
Dr. Hermann Linzmeier, Chefarzt am Fachklinikum Borkum, kennt die Problematik aus seiner täglichen Arbeit. „Eine konsequente Ernährungsumstellung, so, wie sie Fachleute empfehlen, ist langfristig schwierig. Dazu sind Kinder zu viel Versuchungen in der Umwelt ausgesetzt.“ Hier ist auch der Einfluss der Mütter, die im Fachklinikum Borkum mit aufgenommen und als Co-Therapeuten speziell geschult werden, begrenzt. Nur allzu oft wird das Taschengeld weiterhin in Süßigkeiten investiert.
Dass die stationäre Rehabilitation auf Borkum dennoch auch langfristig gute Ergbenisse erzielt, liegt nach Ansicht des Pädiaters und ausgebildeten Adipositastrainers vor allem am veränderten Freizeitverhalten seiner ehemaligen Teilnehmer.
Die Freude an der Bewegung
Neben den obligatorischen theoretischen und praktischen Ernährungsschulungen für Kinder und ihre Begleitperson liegt ein Schwerpunkt auf der Bewegungs- und Sporttherapie. „Wenn die Kinder zu uns kommen, haben sie zumeist keine positive Einstellung zu ihrem Körper, ihrer Leistungsfähigkeit und keine Freude mehr an Bewegung“, weiß Sporttherapeutin Carmen Voss. Im Fachklinikum Borkum wird alles versucht, dies wieder zu ändern. „Das ist nicht schwer“, lacht Carmen Voss, „denn welches Kinder geht nicht gerne an den Strand.“ Und so findet ein Großteil der Therapie vor den Türen des Fachklinikums Borkum statt.
Und die wiedergewonnene Freude an Bewegung ist keine Eintagsfliege. Das zeigen die Ergebnisse einer Langzeituntersuchung des Fachklinikums Borkum. Während die Ernährungsumstellungzumeist nicht so konsequent verfolgt wird und das ein oder andere Kind eine Naschkatze bleibt, haben fast alle Kinder eine Sportart für sich entdeckt und führen diese Zuhause weiter
Dr. Linzmeier freut sich besonders darüber, dass die meisten Kinder nach dem Aufenthalt im Fachklinikum Borkum in einen Verein gegangen sind. „Das zeigt, dass die Kinder auch psychisch wieder stabiler sind und sich mit Selbstvertrauen in einer Gruppe Gleichaltriger behaupten können.“ Dabei haben die Kinder ganz selbstbewusst und individuell eine passende Sportart für sich ausgewählt, wie der Pädiater aus vielen Telefonaten mit Müttern von ehemaligen Patienten weiß.
Langfristige Gewichtsbnahme
Letztlich ist es wohl dieses veränderte Freizeitverhalten, das eine langfristige Senkung des BMIs der ehemaligen Patienten bewirkt und damit das Borkumer Konzept bestätigt. In der Auswertung zeigte sich eine durchschnittliche Gewichtsabnahme während des Aufenthalts von 4,37 Prozent und eine nachhaltige weitere positive Gewichtsentwicklung über die Folgemonate (durchschnittlicheGewichtsabnahme nach 6 Monaten: 9,8 Prozent) mit einer Stabilisierung des Gewichts bei durchschnittlich 6,63 Prozent unterhalb des Ausgangs-BMI nach 12 Monaten. Die Langzeituntersuchung wird auf jeden Fall weiterverfolgt. Jedes halbe Jahr erhalten ehemalige Patienten einen Fragebogen zu Gewicht und Größe, aber auch zu Ernährung und Freizeitverhalten. „Diese Langzeituntersuchung ist für uns die Möglichkeit, ein gutes Therapiekonzept noch besser zu machen“, sagt Dr. Linzmeier.